Menschenwürde, Zivilcourage und Mut zeigte eine Oetzerin im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Einfache Menschen wie Theresia Ötzbrugger, die nie große Bekanntheit erlangt haben, sind die vergessenen Helden, die mit ihrem mutigen, selbstlosen Einsatz ihr Leben riskierten, um Verfolgten und Bedrängten zu helfen.

Theresia Ötzbrugger versorgte KZ-Häftlinge, als sie deswegen mit einer Pistole von einem SS-Mann bedroht wird. Der Mann rechtfertigt sein Handeln, indem er die junge Frau lautstark beschimpft, es sei verantwortungslos, Feinde zu füttern während „unsere“ Soldaten verhungern. Theresia zeigt Haltung, lies sich nicht einschüchtern und stellte sich dem SS-Mann mutig entgegen.

Die spätere Stamser Wirtin wurde als Theresia Reich geboren und wuchs in Kircheben bei Oetz in armen Verhältnissen auf und verlor früh ihren Vater und musste in ihrer Kindheit große Not erdulden. Sie heiratete nach Stams und war eine resolute Wirtin und Bäuerin im Gasthaus „zum Hirschen“ in Thannrain, die in harten Zeiten großen Anstand bewies. Sie starb im Dezember 1992 im achtzigsten Lebensjahr und war Trägerin der Verdienstmedaille des Landes Tirol!

Es war keine einfache Situation für Theresia Ötzbrugger als im April 1945 zwei große Transportwagen vor ihrem Gasthaus „Zum Hirschen“ in Thannrain bei Stams haltmachen. Es war Abend und ihr Mann war gerade nicht zu Hause, die Chauffeure der Wagen und ein uniformierter Begleitoffizier fragen die Wirtin, ob man bei ihr Männer unterbringen kann. Thresl nimmt die Leute auf, es sind Häftlinge vom Konzentrationslager Mauthausen. Die Chauffeure öffnen die Lastwagentüren und Menschen mit kahl geschorenen Köpfen kamen zum Vorschein, viele trugen die zebragestreiften KZ-Uniformen und einige hatten Schachteln als Fußbekleidung an den Beinen. Der Anblick der Häftlinge war erschütternd und die meisten waren nicht in der Lage sturzfrei von der Ladefläche der Lastkraftwagen zu kommen. 10 bis 15 Personen waren in so schlechtem Zustand, dass man vermutete, dass diese die kommenden Stunden nicht überleben würden. Thresl reagiert resolut und organisiert mit wenigen Helfern, darunter ihr 6-jähriger Sohn Hansjörg und ihre Schwester Lina, die Versorgung der Leute. Sie breiten im Stall, Stadel und im Haus Matratzen aus. Die Schwächsten unter ihnen, ausgemergelte Männer, die nur mehr aus Knochen und Haut zu bestehen scheinen, hebt Thresl selbst auf ihr Lager. Die KZ-Häftlinge erhalten Nahrung und zu Trinken. Die am meisten mitgenommenen Häftlinge waren in einem so katastrophalen Zustand, dass sie nicht mehr selbstständig Nahrung zu sich nehmen konnten. Thresl flößt ihnen Getränke mit einem Löffel ein. Während Thresl die KZ-Häftlinge betreut, war eine SS-Einheit im Gastlokal, trank Alkohol und spielte „Platten“.  Doch der Einsatz der etwas über 30-jährigen Wirtin und ihrer Helfer gefällt einigen SS-Leuten nicht. Einer von ihnen verjagt Thresls Schwester Lina mit einem Fußtritt von einem Gefangenen, als diese ihm gerade den Kopf stützt, damit dieser trinken konnte. Thresl stellt sich dem Mann mit lauter Stimme entgegen und fordert „Lassen sie meine Schwester in Ruhe, hier in diesem Haus hab ich anzuschaffen, und nicht sie. Diesen armen Menschen muss geholfen werden. Und wir werden ihnen helfen.“ Die SS-Offiziere reagierten unschlüssig auf die Courage von Thresl, die sich mutig der SS widersetzt, obgleich sie selbst bedroht wird. Thresl sucht in dieser Situation den ältesten Offizier in seinem Zimmer im Gasthaus auf, und sagt ihm, er solle dafür sorgen, dass die Sträflinge von den SS-Leuten unbehelligt bleiben. Der bespricht sich mit den anderen und anschließend gehen diese auf ihre Zimmer. Am nächsten Morgen fahren die SS-Leute mit ihren Wagen wieder in Richtung Innsbruck, von woher sie gekommen waren. Von den ausgemergelten KZ-Häftlingen war jedoch keiner, wie man vermutete, über Nacht verstorben. Sie danken der furchtlosen jungen Wirtin in unterschiedlichen Sprachen, sie schleppen sich wieder auf die Ladeflächen der Lastkraftwagen, jedoch mit mehr Lebenskraft und mit Zuversicht. Die Lastkraftwagen fuhren am Vormittag Richtung Schweiz ab, wohin die Häftlinge gebracht wurden.

Zivilcourage war im Nationalsozialismus lebensgefährlich und umso kostbarer war sie. Oft waren es schon kleine Gesten der Menschlichkeit, die beiden Seiten – Helfern und Opfern – Trost, Mut und Kraft gaben. Erinnerung und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit soll heute auch ein Dialog mit uns selbst sein, der uns dazu auffordert gemeinsam dazu beizutragen in unserer demokratischen Gesellschaft ein Klima der Menschlichkeit und Solidarität zu erhalten und auszubauen. Der Zusammenhalt in unserer Gemeinschaft soll durch Engagement, Verantwortung und aktiver Bürgerbeteiligung immer wieder neu entstehen können, damit Willkür, Gewalt, Mitläufertum und Untertanendenken verdrängt werden.