Nach 30 Jahren im Gesundheitssystem neigt man zu der letztlich leichtfertigen Annahme, weitgehend alles schon gesehen zu haben und aufgrund der gewonnenen Routine, nicht mehr über ein gewohntes Maß gefordert zu werden. Falsch gedacht!

Die „neue Realität“ hat uns wieder ein wenig Bescheidenheit und Respekt gelehrt. Als Tätige in einem systemrelevanten Bereich bleibt man zwar von Kurzarbeit bzw. Arbeitslosigkeit verschont, stattdessen wird aber mit einem Mal ein hohes Maß an Flexibilität und – als Eltern eines schulpflichtigen Kindes – auch Organisationsvermögen eingefordert.

Im Krankenhaus kam es gleichzeitig mit dem Herunterfahren des Routinebetriebes zu einer Aktivierung eines Krisenmodus, der zwar in der Theorie in einer Datei des Intranets vorhanden, aber in dieser Komplexität in der Praxis nicht geprobt werden konnte. Ein ganzes Krankenhaus musste innerhalb kürzester Zeit in sämtlichen Bereichen in einen „Corona-Modus“ überführt werden. Am einschneidendsten war dieser Wechsel für uns auf den Intensivstationen und im operativen Bereich zu spüren.

Intensivmedizin

Die intensivmedizinische Tätigkeit erfordert von ärztlicher Seite, aufgrund des gerade in einem kleinen Krankenhaus oftmals notwendigen, wechselnden Kontaktes zu Covid-19- infizierten und Covid-19-gesunden Patienten ein hohes Maß an Sensibilität bei hygienischen Vorsichtsmaßnahmen. Ständige Krisensitzungen, Videokonferenzen und auf die jeweils aktuelle Situation angepasste neue Arbeitsrichtlinien, bedingen zudem zusätzliche Arbeit und Aufmerksamkeit.

Die pflegerische Tätigkeit ist patientenbezogen, d.h. die Pflegekraft wechselt nicht von infizierten zu nicht infizierten Patienten. Im „heißen“ Bereich ist die Arbeit jedoch massiv erschwert durch das hygienebedingt notwendige Tragen der Schutzausrüstung. Aufgrund der allgegenwärtigen Ressourcenknappheit ist es notwendig, die Schutzbekleidung so selten wie möglich abzulegen. Das bedeutet, dass man sich jede Trinkpause und z.B. jeden Toilettengang vorab gut überlegen muss, da der infektiöse Bereich nicht mit schmutziger Schutzkleidung verlassen werden darf. Und wenn die Nase juckt, dann muss man sie jucken lassen, um sich nicht selbst zu infizieren. Diese Kleinigkeiten, die im Normalbetrieb kein Problem darstellen, machen die Arbeit mit infizierten Patienten zu einer großen Herausforderung.

Operativer Bereich

Über Wochen wurden sämtliche Routineoperationen abgesagt und nur Notoperationen durchgeführt, was natürlich zu einem enormen Rückstau an Patienten führte.

Auch nun, am Beginn der „Neuen Normalität“ kann der Normalbetrieb nur schrittweise wieder aufgenommen werden. Nur Patienten mit einem negativen Covid-19-Abstrich werden zu Routineoperationen zugelassen, und das wird auch noch lange Zeit so bleiben. Trotz allem bietet dieses Vorgehen keine absolute Sicherheit. Selbst der beste Test hat seine Schwächen. Genauso wie jede Untersuchung keine hundertprozentige Sicherheit geben kann, ist es auch bei den Corona-Tests möglich, dass sie bei einer zweiten oder dritten Kontrolle das Ergebnis ändern können. Die daraus resultierenden Vorsichtsmaßnahmen führen dazu, dass die Normalität, wie wir sie kennen, noch einige Zeit auf sich warten lassen wird. Durch regelmäßiges Screening der Mitarbeiter, wird nun im Rahmen der Rückkehr zu einer neuen Routine versucht, auch bei einem Wiederanstieg der Infektionen in der Bevölkerung, den Krankenhausbetrieb nicht durch Personalausfall zusätzlich zu schwächen.

Notärztliche Tätigkeit

Da es auch in Zeiten wie diesen Patienten gibt, die wegen eines Notfalles schnelle Hilfe benötigen, muss man sich auch als Notarzt mit den neuen Anforderungen auseinandersetzen. Das Spektrum der Einsätze bleibt, abgesehen von den selteneren Freizeitunfällen, nahezu gleich. Es passieren weiterhin Unfälle im häuslichen Bereich und im Verkehr und es gibt weiterhin die üblichen internistischen, neurologischen und chirurgischen Notfälle, die einer raschen Behandlung vor Ort bedürfen. Speziell bei Einsätzen im Bezirk Landeck, einer Region mit einer relativ hohen Rate an Infizierten, erfordert die aktuelle Situation entsprechende Vorsichtsmaßnahmen. Wenn man als Notarzt derzeit ausrückt, klärt jeweils zuerst eine geschützte Rettungskraft das individuelle Risikoprofil des Patienten in Bezug auf eine Corona-Infektion ab. Dann wird entschieden in welchem Ausmaß eine Schutzbekleidung notwendig ist. Eine hochwirksame Schutzmaske wird immer getragen, für Risikofälle sind jedoch auch komplette Schutzanzüge in jedem Rettungswagen.

Familie

Jede Familie versucht derzeit, sich an die aktuelle Situation anzupassen. Wenn beide Elternteile in kritischer Infrastruktur arbeiten, stellt diese Situation in manchen Bereichen eine organisatorische Herausforderung dar. Da wir beide in ständiger Abrufbereitschaft stehen, ist natürlich auch unsere 15-jährige Tochter aktiv in den ganzen Organisationsprozess eingebunden. Durch ihre hohe Selbständigkeit und Einsicht, sind wir aber gemeinsam in der Lage, auftretende organisatorische Krisensituationen gut zu meistern. Abseits der Arbeit erleben wir jedoch in unserem Garten neben der Hauptstraße ohne Verkehr derzeit eine Phase der Ruhe und Erholung. Das Erlebnis, an einem Samstagvormittag auf der Terrasse zu frühstücken - und sich dabei sogar unterhalten zu können - ist was Neues und bislang Einzigartiges. Selten was Schlechtes, das nicht auch seine guten Seiten hat.

Wie wird es weitergehen?

Wir haben eine Pandemie. Wir haben ein sehr ausbreitungsfreudiges Virus und wir werden lernen müssen damit zu leben. Wir leben in einer Zeit in der an Malaria immer noch weltweit fast eine Million Menschen jährlich sterben. In einer Zeit, in der österreichweit täglich 90 Menschen an den Folgen von Herzkreislauferkrankungen sterben, das wären seit Jänner ca. 10.000 Tote, also weitaus mehr als an Corona. Verlieren wir also nicht den Blick auf das Wesentliche!

Corona wird, wie z.B. Influenza, zu unserem Begleiter werden. Wir müssen dem Virus mit Respekt und Umsicht, nicht mit Angst, aber auch nicht mit Ignoranz entgegentreten. Je genauer wir es kennen lernen, desto wirksamer werden wir es in Zukunft bekämpfen können.