Wie Himmel und Hölle. Wie Tag und Nacht. Oder wie Hund und Katz´. Na, besser: wie schwarz und weiß. Immer, wenn derzeit über die 180°-Kehrtwende in der Ötzer Verkehrspolitik gesprochen wird, kommt Staunen auf: Wie konnte es nur sein, dass es vor gerade einmal einem Jahr geheißen hat, "Wir haben noch kein Verkehrsproblem". Und jetzt? Jetzt haben wir das genaue Gegenteil davon! Jetzt heißt es auf einmal: "Die Gemeinde Ötz hat ein Verkehrsproblem". Warum dieser eklatante Sinneswandel?

Gerade einmal ein Jahr später erklärt Bgm. Falkner in der Presse das genaue Gegenteil von dem, was er im März 2019 in die ORF-Kamera gesäuselt hat.
Nicht einmal ein Jahr später erklärt Bgm. Falkner in der Presse das genaue Gegenteil von dem, was er noch im März 2019 in die ORF-Kamera gesäuselt hat. 

Es sind nicht wenige, welche einen der beiden folgenden Gründe hinter der ganzen Kehrtwende vermuten:

Deutungsart 1: Die Wahlen

Weil zuletzt der Druck aus der Bevölkerung immer größer geworden ist, hat die Bürgerliste, denen sonst wohl die Wähler in Scharen davongelaufen wären, die Notbremse gezogen. Man fürchtete einen Dammbruch und trat die Flucht nach vorne an. Bei dieser Gelegenheit präsentierte man sich gleich als Retter aus der Misere. Dass dabei die grundsätzliche Idee einer verkehrsberuhigten Zone von dynamoetz stammte, kümmerte die Macher wenig. Insofern: Vorausschauendes und ehrliches Handeln schaut sicherlich anders aus.

Deutungsart 2: Der Wind von "hinten"

Weil unsere Hintertaler nach wie vor im Hintergrund an der Gletscherehe "Sölden-Pitztal" basteln, müssen mögliche Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden. Einer davon ist das Ötzer Verkehrsproblem. Deshalb wird der Ball jetzt einfach an das Land weitergespielt und argumentiert werden, dass man ohnehin alles getan habe, um das Problem zu lösen. Dann spielt man einfach auf Zeit.

Schade um die verlorenen Jahre

Vollkommen egal aber eigentlich, wie auch immer die wahren Hintergründe der neuen Verkehrsgesinnung ausschauen mögen, eines ist auf alle Fälle klar: Man hat entscheidend zu spät reagiert, wie folgende zwei Beispiele zeigen:
Sölden pfuscht nun bereits mehr als 10 Jahre vergeblich an einer Umfahrung herum: Im Jahr 2010 wurde genau von jenen Planern, die nun auch in Ötz im Hinter- und Vordergrund tätig sind, eine Visualisierung präsentiert, welche dieselbe Machart aufweist wie jene, welche wir unlängst zu sehen bekamen. Und Tarrenz? Wie lange hofft Tarrenz bereits auf den Tschirganttunnel? Sind es 15 Jahre? 20? 25?

Angesichts derartiger Zeitspannen ist es offensichtlich, dass unsere Verantwortlichen viel zu spät aufgewacht sind. Jetzt spricht unser Bürgermeister achselzuckend davon, dass wohl unter weiteren 10 Jahren nichts gehen würde. Und dabei haben wir bereits 2015 ein Interview mit Dr. Dipl. Ing. Christian Molzer, dem Vorstand der Abteilung Verkehr veröffentlicht, jenem Leiter der Abteilung Verkehr und Straße des Landes Tirol, der nun unserer Delegation vor wenigen Wochen nur noch einmal genau Dasselbe gesagt hat (Interview siehe unten).

Somit ist klar: Es wurden fünf Jahre verplempert. Vertane Zeit! Interessant in diesem Zusammenhang auch die Aussage unseres bis 2016 amtierenden Verkehrsreferenten Roland Haslwanter, der sich jetzt in der Presse selbst ein vernichtendes Zeugnis ausstellt und zugibt, dass er "erst vor drei, vier Jahren angefangen hat, sich mit der Sache auseinander zu setzen". Also wann? Das muss man sich wirklich einmal trauen zu sagen: just erst nach dem Ende seiner Verkehrsreferenten-Tätigkeit für die Gemeinde Ötz! Schlimmer geht´s nimmer.

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Das sagte Molzer bereits 2015:

Herr Dr. Molzer! Ein herzliches Grüß Gott im Namen aller Leserinnen und Leser von dynamoetz. Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben, um auf unsere Fragen einzugehen und damit gleich in medias res.

Erste Frage: Die Statistikseite des Landes Tirol weist für Ötz eine durchaus beachtliche Verkehrsbelastung aus. Kann, a) garantiert werden, dass diese Zahlen stimmen? Und, b) wo liegen wir mit diesen Zahlen im Vergleich?
Christian Molzer: „Die Verkehrsdaten werden durch moderne, dem Stand der Technik entsprechende automatische Verkehrszählungen erfasst. Eine regelmäßige technische Wartung der Zählgeräte vor Ort und eine laufende automatisierte Qualitätsprüfung im Zuge des täglichen Datenimports in der dafür entwickelten Verkehrsdatensoftware garantieren eine sehr gute Datenqualität. Darüber hinaus wird zusätzlich eine manuelle Datenprüfung vorgenommen. Die Einsatzbereitschaft der Zählgeräte in Tirol lag dadurch im Jahr 2013 bei knapp über 97 %. Ein Vergleich mit anderen Oberländer Gemeinden ist auf Grund des starken Tourismus mit den Schigebieten Hochötz, Sölden, Obergurgl, Hochgurgl, sowie der Therme Längenfeld und anderen Attraktionen schwierig. Im Jahr 2013 wurde an der Zählstelle Ötz ein jahresdurchschnittlicher täglicher Verkehr (JDTV) von rund 12.600 Kfz/24 Stunden erfasst. Die stärksten Verkehrsbelastungen treten an den Samstagen des Februar und März mit rund 18.000 Kfz/24 Stunden auf. Im Vergleich dazu sind an der B 179 Fernpassstraße im JDTV rund 12.000 Kfz/24 Stunden und an den Samstagen des Februar und März 24.500 Kfz/24 Std. zu verzeichnen. An der B 169 Zillertalstraße liegen die Verkehrszahlen bei 17.500 Kfz/24 Std. (JDTV) und knapp 25.000 Kfz/24 Std. an den Samstagen des Februar und März.“

In Sachen Verkehrszählung wäre interessant zu wissen, wie diese Werte eigentlich ermittelt werden. Gibt es bei uns eine automatische Zähleinrichtung oder wie muss man sich das vorstellen?
Christian Molzer: „Am Querschnitt Ötz wird der Verkehr 365 Tage im Jahr mit einem automatischen Zählgerät (Seitenradar) detektiert. Die erfassten Fahrzeuge werden auf Grund eines ermittelten Profilwertes (errechnet aus Länge und Höhe) dann den Fahrzeuggruppen KFZ (alle Fahrzeuge), Lkw-Ähnlich (Fahrzeuge über 6 m) und SLZ (Fahrzeuge über 13 m) zugeordnet. Die Energieversorgung wird mittels Solarpanel gewährleistet. Neben Seitenradargeräten betreibt das Land Tirol auch Verkehrszählgeräte mit Induktionsschleifen (z.B. Zählstelle Sölden)“.

Sie haben sicherlich viel mit statistischem Material zu tun. Wenn man sich die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit anschaut, wo es einen steten Zuwachs des Verkehrs gab, wie wird sich dieser unter normalen Voraussetzungen weiter entwickeln?
Christian Molzer: „Prognosen sind grundsätzlich schwierig. Im Zeitraum zwischen 2005 und 2013 kam es zu einer Zunahme von 16,1 % und an den Samstagen von 21,2 %. Der maximale Tagesverkehr steigerte seit 2005 um 14 %. Tirolweit betrugen die jährlichen Zunahmen seit 2009 jährlich ca. 1 % (wobei es 2008 und 2012 auch Abnahmen um ca. 1 % gegeben hat). Damit liegt der Querschnitt in Ötz im Hinblick auf die Verkehrszunahmen etwas über dem tirolweiten Mittel. Im Westen Tirols (Bezirke Imst, Landeck und Reutte) entsprach die Verkehrssteigerung mit 0,8 % dem landesweiten Trend. Am Arlberg nahm der Verkehr 2013 um 2,0 % zu (Tunnel und Pass). Auf den beiden Straßenverbindungen passierten 2013 im Mittel täglich 11.630 Kfz die Landesgrenze nach Vorarlberg, das sind um rund 7 % mehr als vor fünf Jahren (2008). Der Fernpass weist mit 11.920 Kfz/24 h eine stärkere Verkehrsbelastung auf als die beiden Straßen am Arlberg gemeinsam. Auch hier betrug die Verkehrssteigerung gegenüber dem Vorjahr 2 %, seit 2008 nahm der Verkehr auf der B 179 um 12 % (Fernstein) bis 18 % (Musau) zu. Auf der B 189 Mieminger Straße wurden 2013 bei Tarrenz täglich 12.650 Kfz (+ 1,0 %) und bei Obsteig 7.000 Kfz (+ 2,4 %) gezählt. Im Ötztal nahm der Verkehr um 2 bis 3 % zu. Die B 186 Ötztalstraße wurde 2013 bei Ötz täglich von 12.640 Kfz befahren, bei Sölden von ungefähr halb so vielen Kfz (6.440). Auf der Tannheimer Straße ging auch 2013 der Verkehr leicht zurück, seit 2008 um 6 bis 9 %. Die tägliche Verkehrsbelastung liegt bei 2.800 Kfz (Weißenbach) bis 4.000 Kfz (Tannheim).“

Klar, Prognosen sind immer schwer. Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen! :-) Nichts desto trotz haben viele Menschen in Ötz, wie in anderen Landesteilen auch, beim Verkehr das Gefühl, an der Grenze der Belastbarkeit angekommen zu sein. Gibt es irgendwelche schnelle Gegenmaßnahmen?
Christian Molzer: „Die Tiroler Mobilitätspolitik misst der Fortbewegung zu Fuß und mit dem öffentlichen Verkehr sowie dem Radfahren besonderen Stellenwert bei. Diese Prioritätensetzung soll zu einem ökologisch und ökonomisch effizienten Verkehrssystem führen und Unabhängigkeit vom motorisierten Individualverkehr schaffen. Insbesondere ist ein Ziel die Anreise von Gästen mit dem öffentlichen Verkehr zu fördern (Programm Tirol auf Schiene) und hier den Anteil auf 10 % zu erhöhen. Bauliche Maßnahmen im Sinne einer Alternativlösung werden immer gemeinsam mit den Gemeinden entwickelt. Hier hat es in der letzten Zeit im Bereich Ötz keine Aktivitäten gegeben.“

Anreise per Schiene durchs Ötztal geht leider nicht. Fortbewegung zu Fuß und Anreise per Rad werden dem Großteil der Touristen wohl auch nicht sonderlich schmecken, außerdem ist der Busverkehr im Ötztal bereits bestens ausgebaut. Gesetzt den Fall, Ötz kann und will eines Tages den Verkehr nicht mehr schlucken und plädiert für eine Alternativlösung. Wie muss man sich dann das weitere Procedere vorstellen? Das wäre dann doch sicherlich eine langwierige Sache, oder? Und wer käme eigentlich für diese Kosten auf?
Christian Molzer: „Alle baulichen Maßnahmen im Tiroler Straßennetz werden im engen Einvernehmen mit den Gemeinden entwickelt und von Seiten des Landes Tirol nur dann vorangetrieben, wenn es eine eindeutige Willenserklärung in der jeweiligen Gemeinde gibt. Erfahrungen zeigen, dass im Dauersiedlungsraum auch bei größten Anstrengungen aller Beteiligten die Planungen, Grundbeschaffung, die Behördenverfahren und die Realisierung sehr herausfordernd und daher auch zeitintensiv sind. Da diesbezüglich noch keine Aktivitäten gesetzt wurden, wird um Verständnis gebeten, dass zur Finanzierung keine Aussagen getroffen werden können.“

Hr. Dr. Molzer, wir haben einige wichtige Informationen erhalten, herzlichen Dank für das Gespräch!

(best, 06.01.2015)

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In einem anderen Artikel wurde 2015 aufgrund eines durchschnittlich gleichen Zuwachses wie die Jahre zuvor eine Prognose für das Jahr 2019 erstellt. Diese erbrachte eine durchschnittliche Frequenz von 14.298 KFZ/d. Und wie viele sind es tatsächlich geworden? 14.366. Eine einfache Taschenrechner-Tipperei hat also ziemlich genau das erbracht, von dem unsere Verkehrs-Kapazunder jetzt sagen, sie hätten erst den Verkehr sehen müssen, damit sie sich so eine Zahl vorstellen können. Wie sagt der Mittel- oder Hinterötztaler zu so etwas? Oafoch lei schaamerlach!