(Zu Teil 1 zum Nachlesen)

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung von einigen wissenschaftlichen Studien über den gesellschaftlichen Strukturwandel und Migration im Alpenraum. Das Themengebiet umfasst Bereiche aus der alpinen Regionalforschung (Entwicklungs- und Transformationsprozesse) und der Sozialanthropologie. Die Gentrifizierung ist ein komplexes Thema mit der sich viele wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen und ist dementsprechend schwierig zu vereinfachen. Aus diesem Grund ist der Artikel ausnahmsweise sehr lang, aber dieser ist notwendig als Basiswissen, um später die Zusammenhänge im dritten Teil über die alpine Gentrifizierung im Ötztal besser zu verstehen.

Alpine Gentrifizierung

Jeder hat sicherlich schon einmal das Wort "Gentrifizierung" gehört, aber man hat sich nie wirklich Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet und welche Folgen es beinhaltet.

Nun was bedeutet Gentrifizierung überhaupt? Der Begriff Gentrifizierung bedeutet im Allgemeinen die Verdrängung (durch Abwanderung oder Marginalisierung) alteingesessener ärmerer Bevölkerungsgruppen durch den Zuzug von wohlhabenden. Es ist ein sozio-ökonomischer Strukturwandel zugunsten einer sehr einkommensstarken Gesellschaftsschicht, der durch die Attraktivitätssteigerung in einem Stadtviertel oder in einer Region ausgelöst wurde. Damit ist oft auch der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen verbunden (vgl. Rabe[1], S. 7).

Bis jetzt war dieser Begriff nur in der Stadtforschung bekannt und die Bevölkerung kennt das Phänomen höchstens von den Großstädten wie zum Beispiel in Barcelona, Berlin oder London. Aber mittlerweile hat sich die Gentrifizierung von den großen Metropolregionen bis in die alpinen Regionen ausgeweitet. Einer der Hauptgründe dafür sind durch die digitale Plattform-Wirtschaft veränderten Arbeits- und Freizeitstrukturen. Durch die seit Jahrzehnten voranschreitende Digitalisierung und Automatisierung (Robotik, Artificial Intelligence, etc.) der Arbeitswelt verwischen sich die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Mittlerweile ist fast überall ein Breitband-Internetanschluss (Glasfaser) verfügbar und auch wegen der Corona-Pandemie verwischen sich nun diese Grenzen durch Homeoffice noch stärker miteinander.
Früher war die Freizeit durch Arbeitszeit, Wochenenden, geregelten und bezahlbaren Urlaub klar definiert.[2] Durch die nun veränderten Arbeitszeitmodelle, flexible Arbeitsorte, hohe technische Mobilität und auch die Verbilligung der Reisen, hat sich das Freizeitverhalten stark verändert. Freizeit, Arbeit und Familie werden zunehmend "hybridisiert". Dies hat zur Folge, dass durch die veränderten Freizeitpraktiken – kürzere Ferienaufenthalte, das Verschmelzen von Arbeit mit Freizeit und Sozialkontakten, zunehmende Vermischung von Tourismus und Freizeit-Events, etc. – die Tourismusdestinationen an Bedeutung verlieren.[2:1] Durch die Hybridisierung von Arbeit, Freizeit, Familie und Sozialkontakten wächst vermehrt eine Nachfrage von freizeitorientierten Zweit- oder Drittwohnungen. Durch die neu entstandenen Ansprüche hat sich die Funktion der Freizeitwohnungen verändert, die nun (möglichst) in gleicher Weise genützt werden, wie die Wohnungen in einer Metropolregion.

Der wachsende Trend für freizeitorientierte Nebenwohnsitze findet nicht nur in den reichen Ländern statt wie in Europa oder den USA, sondern auch in Schwellenländern wie zum Beispiel in Indonesien mit ihrer Provinz Bali, die rund 3 Flugstunden von Australien entfernt ist. Aber auch bei neu aufstrebenden Mittelschichten in den Schwellenländern ist dieser Trend für Freizeitwohnsitze zu beobachten.[2:2]
Dieses Phänomen ist mittlerweile in Europa gut untersucht, besonders in den Alpenländern und in Südeuropa. In den USA wird diese Wanderbewegung in Bergregionen, Freizeit-Resorts oder in landschaftlich und kulturell attraktive Städte mit dem Begriff Amenity Migration beschrieben, die auch in Mittel- und Südamerika sowie in Asien eine Rolle spielt.[2:3] Laut Perlik[3] ist aber bei der Amenity Migration nur ein kleiner Teil der beteiligten Gesellschaftsgruppen eine "reine" Migration (vollständige Verlegung des Lebensmittelpunktes). Der Großteil der Beteiligten wechselt periodisch die Wohnorte.

Ob es sich bei den Wohnsitzen um ein Appartement, Wochenendhaus oder ein Chalet handelt ist ganz gleichgültig. All diese Wohnsitze haben eines gemeinsam, dass sie keine touristische Beherbergungen sind, sondern nur private Liegenschaften mit einer temporären Nutzung. Diese neuen Liegenschaften sind so ausgestattet, dass sie nicht nur für die Freizeit, sondern auch für ortsunabhängiges Arbeiten (Homeoffice), Freundes- und Familienzusammenkünfte, Repräsentationszwecke und auch immer häufiger als Geldanlage und als Einnahmequelle (durch Vermietung) genutzt werden können.[2:4] Die letzteren zwei Fälle sind in den vergangenen Jahren sehr attraktiv geworden und haben in den Touristendestinationen zu einem regelrechten Bauboom und zu Immobilienspekulationen geführt, die anhielten, bis die globale Corona-Pandemie ausbrach.

Multilokalität und Tourismus

Bereits seit Jahren verschiebt sich der Trend von einem touristischen Beherbergungsaufenthalt in Richtung "Multilokalität" im eigenen Feriendomizil.[2:5] Der Begriff Multilokalität beschreibt das periodische Wechseln zwischen verschiedene Arbeits- und Wohnorten – d.h., der Lebensalltag wird auf mehrere Wohnorte aufgeteilt. Dieser Trend wird weiterhin verstärkt durch die stark wachsende digitale Plattform-Ökonomie.

Vor fast 200 Jahren erfolgte durch die Industrialisierung die Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsort. Diese Trennung wird nun durch die Globalisierung und die fortschreitende Digitalisierung der Arbeit punktuell, also nur kurzfristig an verschiedenen Orten wieder aufgehoben. Durch das periodische Wechseln der Wohnorte wird keine nachhaltige und ressourcenschonende Multifunktionalität erzeugt, weil die anderen Wohnungen leer stehen.[2:6] Dies wirkt sich auch negativ auf den ökologischen Fußabdruck aus, der durch den Klimawandel immer wichtiger wird.
Zusätzlich bieten die Teilzeit- oder Freizeitwohnsitze in den Zeiten der Corona-Pandemie für Multilokale eine Möglichkeit, mithilfe von "Homeoffice", die Lockdown-Verordnungen geschickt zu umgehen, um trotzdem ihren Freizeitgestaltungen nachgehen zu können (vgl. semiosis.at – Schattentourismus in Österreich).

Unterscheidung von Multilokalität und Tourismus

Normalerweise lassen sich vermietete von eigengenutzten Wohnungen ganz klar unterscheiden. Die vermieteten Wohnungen bilden ein Teil des touristischen Angebots in einer Feriendestination und werden als Parahotellerie bezeichnet.[2:7] Hingegen bei den eigengenutzten Wohnungen handelt es sich um eine von den multilokalen Eigentümern (oder deren Familienangehörige und Freunden) selbst genutzte Zweit- oder Teilzeitwohnung, auch wenn sie sich vor Ort wie Touristen verhalten.[2:8]

Grundsätzlich gesehen liegt eine touristische Nutzung nur dann vor, wenn Dienstleistungen für auswärtige Gäste erbracht werden. Aus ökonomischer Sicht ist der Tourismus eine exportbasierte Wertschöpfung – i.e. der Tourist konsumiert eine Dienstleistung, die ein Beherbergungsbetrieb auf einem externen Markt anbietet.[2:9] Im Unterschied zu einem Beherbergungsunternehmen treten Zweitwohnungsbesitzer als "Einwohner" auf (auch wenn sie die Wohnung nur sporadisch oder gar nicht nutzen) und verdienen ihr Haupteinkommen nicht vor Ort. Zusätzlich speisen die Zweitwohnsitzbesitzer mit ihrem Einkommen ganz andere Wertschöpfungsketten als Hotels oder Gastronomiebetriebe. Dabei resultieren zwei grundsätzlich verschiedene Interessenlagen – die Tourismusbetriebe müssen an gute Produktionsbedingungen interessiert sein, hingegen die multilokalen Zweitwohnsitzbesitzer interessieren sich hauptsächlich nur für die residentielle Ökonomie, die für die Gestaltung ihrer jeweils eigenen "Lebensqualität" wichtig ist.[2:10]

Hybridisierung durch Investitionsmodelle

In den letzten Jahren hat sich ein stark wachsender Trend entwickelt, diese beiden Arten von Wohnungen in verschiedenen Erscheinungsformen zu hybridisieren. Multilokale vermieten ihre Zweitwohnungen an Auswärtige in der Zeit, in der sie diese nicht selbst nutzen und erzeugen somit ein zusätzliches Einkommen für sich. Aber auch alteingesessene Hotelbetriebe versuchen mit dieser jüngsten Entwicklung schrittzuhalten durch die Errichtung eigener Ferienwohnungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

In dieser Konjunkturphase haben sich im Alpenraum auch neue Geschäftsmodelle angesiedelt und weiterentwickelt, die ursprünglich aus dem anglikanischen Raum stammen und dort seit der Wirtschaftskrise von 2008 sehr populär geworden sind. Dabei handelt es sich um Geschäftsmodelle des Resorts und ihrer Varianten, in der die Immobilienwirtschaft mit neuer Hotelinfrastruktur vereinigt – "hybridisiert" – wird.
Diese Geschäftsmodelle treten im Alpenraum vermehrt als Großinvestitionen auf. Die Unterkünfte in diesen Resorts werden dann meistens von Unternehmen vermietet, die sich auf Parahotelerie spezialisiert haben. Oft basieren die Geschäftsmodelle der Resorts auf einem Investitionsmodell, bei der Multilokale oder Anleger durch den Kauf von Unterkünften sich direkt an den Hotelbetrieb beteiligen. Diese Wohnungen werden dann von einer Betreibergesellschaft an Touristen vermietet, wenn die Eigentümer diese nicht nützen. Mittlerweile hat sich aus diesen Anlagemodellen ein komplett neuer Immobilienmarkt entwickelt mit "Rundum-sorglos-Paketen" (all-round carefree packages) in der voll eingerichtete (Luxus-)Wohnungen als Zweit- oder Ferienwohnungen zum Kauf angeboten werden. Diese voll möblierte und mit Küche ausgestatteten Unterkünfte können wie eine richtige Stadtwohnung genutzt werden. Aufgrund der seit Jahren niedrigen Bankzinsen sind zurzeit diese Investitionsmodelle bei den Multilokalen und auch für Anleger besonders populär geworden – mit wachsender Nachfrage in Krisenzeiten. Aber diese Anlagemodelle sind zugleich sehr umstritten, weil diese auch ein sehr hohes Investitionsrisiko beinhalten (die Hotelanlagen stehen und fallen mit der Betreibergesellschaft). Zusätzlich erhöhen diese Investitionsmodelle in den Touristendestinationen den Wettbewerbsdruck auf alteingesessene Beherbergungsbetriebe.

Die Landschaft als neue Ressource

Im Prinzip besitzt eine Landschaft keinen ästhetischen Eigenwert.[4] Die Wertschätzung einer Landschaft erfolgt durch den Menschen und entwickelt sich gesellschaftlich, die von zeitlichen Änderungen im Entwicklungspfad abhängig ist. Mittlerweile sind diese Änderungen sichtbar geworden und laut Perlik[4:1] sind dafür mindestens zwei Faktoren verantwortlich:

  1. Ein großer Teil der Bevölkerung in Europa lebt in Metropolregionen oder in verstädterten Gebieten (städtische Agglomerationen). Dadurch haben bei einer Mehrheit der Bevölkerung sich die gesellschaftlichen Präferenzen verändert. Die Bergregionen werden nicht mehr als Entwicklungsregionen betrachtet, sondern unter dem Aspekt nach ihrer "Eignung als Ressource" für Wohnen und Freizeit.
  2. In vielen Gebirgsregionen von Europa, darunter auch die Alpen, geraten die regionsspezifischen Wirtschaftsaktivitäten zunehmend in Schwierigkeiten. Dies betrifft besonders die Landwirtschaft und den Tourismus, die beide standortabhängig sind.

Der Kauf einer Zweitwohnung wird meistens von den Käufern durch die ästhetische Schönheit der Landschaft begründet, die aber nur auf eine subjektive Wahrnehmung beruht. Dies zeigt aber auch, dass urbane Akteure veränderte Ansprüche auf die Bergregionen erheben – die Suche nach dem "otherness" zur Stadt.[4:2] Laut Rabe[1:1] bildet die Landschaft zusammen mit der Natur eine doppelte Funktion für den Menschen:

  1. Die Landschaft bietet die Möglichkeit zur Erholung in der Natur und zur Freizeitgestaltung. Dies bestimmt den materiellen Wert in der Gesellschaft zur Bedürfnisbefriedigung.
  2. Durch soziale Interaktionen wird die Landschaft in den Alpen als "knappes Gut" in Wert gesetzt (kommodifiziert). Der Besitz des Gutes "Landschaft" kann sich nur eine kleine Gesellschaftsschicht leisten und wird somit als soziales Abgrenzungsmerkmal gegenüber anderer Menschen verwendet. Der Besitz bedeutet auch "symbolisches Kapital" durch den Gewinn von Prestige und Reputation. Somit bildet die Zweitwohnung der sozialen Akteure (Eigentümer) das "Spiegelbild" ihrer persönlich verfügbaren Ressourcen und Handlungsspielräume.[2:11] Die soziale Interaktionen erfolgen durch die Bestimmung dieses "Tauschwertes" (immaterieller Wert), an der die betroffenen Städte oder Gemeinden, die Immobilienwirtschaft und die Multilokalen bzw. Migranten beteiligt sind.

Exurbanisierung – Die Ausdehnung in die Berge

Der Alpenraum befindet sich in einem Transformationsprozess der durch die wirtschaftliche Veränderungen in den Metropolen ausgelöst wurde. Große Städte expandieren zu Metropolregionen, die attraktive Arbeitsplätze anbieten und international gut erreichbar sind. Dadurch verlieren die kleinen Städte im Alpenraum als auch in anderen ländlichen Gebieten zunehmend an Bedeutung (außer sie bieten zusätzliche Einzigartigkeiten an wie Kultur, Freizeitregionen, spektakuläre Aussichten, etc.).[4:3][3:1] Damit die Metropolen für die Bevölkerung und der Wirtschaft attraktiv sind, müssen diese besondere und einzigartige Umfelder anbieten, die möglichst schnell erreichbar sind.

Die Metropole und die idyllische unberührte Natur bilden nur scheinbar ein Gegensatzpaar, was dazu führt, dass die Wohngebiete der Metropolen sich in die Berge ausdehnen und diese funktional als Freizeitlandschaft integrieren.[4:4][1:2] Zusätzlich bilden die Alpentäler auch Zufluchtsgebiete, um sich temporär von der Globalisierung zurückzuziehen. Diese Entwicklung ist erst möglich geworden durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt, den Ausbau und die Optimierung schneller Verkehrswege sowie Billigflügen. Dadurch kann der urbane Lebensraum über größere Distanzen hinweg erweitert werden und ermöglicht für Multilokale in kurzer Zeit das Wechseln zwischen verschiedenen Welten.[1:3]

Die Ausdehnung des urbanen Siedlungs- und Wohnraums über den suburbanen Raum hinaus in überwiegend ländlich strukturierte Regionen wird Exurbanisierung oder auch (in Frankreich, Belgien u. Schweiz) Periurbanisierung genannt (vgl. Perlik[4:5], S. 38).

Gesellschaftliche Auswirkungen und Verdrängung

Seit den 1980er Jahren ist der Berg- und Wintertourismus in den Alpen rückläufig.[2:12] Zugleich beobachtet man in den Alpenregionen, besonders in den Touristendestinationen, eine Stagnation der Einwohnerzahlen durch niedrige Geburtenraten und einem wachsenden Durchschnittsalter von über 50 Jahren (vgl. Studie über Migration in das Tegernseer Tal[1:4]). Zusätzlich hat die freizeitorientierte Multilokalität neue Märkte erzeugt zulasten des Tourismus und der lokalen Bevölkerung.

Die Hoteliers in den Touristendestinationen versuchen die sinkende Auslastung mit der Errichtung eigener Ferienwohnungen zu kompensieren.[2:13] Fehlendes Kapital für die Modernisierung und Erweiterung der Hotelanlagen beschaffen sich die Hoteliers häufig durch den zusätzlichen Verkauf von Zweitwohnsitzen (z.B. Chalets, Penthäuser) oder durch Landverkäufe. Meistens werden aber diese Landverkäufe nur an die Bestbieter verkauft, die wiederum oft nur die Absicht haben, auf diesen Grundstücken Ferienwohnungen oder Nebenwohnsitze zu errichten. Gleichzeitig werden in den alpinen Tourismusgebieten große alte Hotels geschlossen, die nicht mehr mit dem Strukturwandel und dem zunehmenden Modernisierungswettbewerb schritthalten können.[2:14] Um die steigende Nachfrage von Ferienwohnungen zu decken, entstehen in den Agrar- und Waldlandschaften immer öfters neue Appartementanlagen oder von den Einwohnern nicht mehr genutzte Häuser werden in Appartementhäuser umfunktioniert. Aber auch lokale Dienstleister wie die Bergbahnen und große Hotels (meist in exponierten Lagen) werden immer häufiger von transnationalen Unternehmen übernommen.[2:15]

Die neue Form des Immobilieninvestments als Kapitalanlage mit der besonderen Betonung der persönlichen Ressource "Lebensqualität" erzeugt eine gesteigerte Nachfrage nach Immobilien an besonders markanten Orten wie Städte, Küstenstreifen und Berggebiete.[2:16] Dies führt vermehrt zu Immobilien- und Grundstücksspekulationen, die Preissteigerungen verursachen, welche sich die lokale Bevölkerung mit ihrem Einkommen nicht mehr leisten kann. Oft entsprechen die Preise am Immobilienmarkt nicht mehr dem realen Wert.[1:5]
Die offensichtlichen Folgen dieses "Hypes" sind ein Bauboom und eine starke Zersiedelung der Landschaft, der mit einem sehr hohen Flächenverbrauch verbunden ist und die Natur beeinträchtigt. Die Häuser oder Appartements der Multilokalen werden oft nur für wenige Wochen im Jahr verwendet und erzeugen den Effekt der "kalten Betten".[2:17] Dies kann dazu führen, dass in Ferienorten durch leerstehende Wohnungen oder Häuser sogenannte "Geisterviertel" entstehen, die auch "sterile Areale" genannt werden (gepflegtes Viertel, aber kein Verkehr und kein Leben).

Im Allgemeinen erzeugt die Immobilienwirtschaft eine höhere spezifische Wertschöpfung als der exportbasierte Tourismus.[2:18] Dies trifft aber bei den Investment- und Anlagemodellen für Immobilien nur bedingt zu, weil diese meistens nur für eine kurze Zeitspanne eine höhere Wertschöpfung erzeugen. Die aufstrebende Dominanz der Investmentmodelle in den Touristendestinationen erzeugen eine Wettbewerbsverzerrung (häufig durch Dumpingpreise) und gefährden somit die lokalen Dienstleistungsanbieter, die oft nicht die Innovationskraft aufbringen können, sich dagegen zu verteidigen. Es kommt zu einer Verdrängung der lokalen Anbieter durch einen Wandel von einer exportbasierten Ökonomie zu einer residentiellen Ökonomie.[5] Der Strukturwandel in den betroffenen Regionen verursacht auch eine zunehmende Perspektivlosigkeit für die lokale Jugend, die später eine Abwanderung dieser Bevölkerungsgruppe zur Folge hat.

Die Ausbreitung und Intensivierung der digitalen Plattform-Ökonomie auf die Bewirtschaftung und Nutzung von Wohnimmobilien beschleunigt den Bewohnerwechsel und erzeugt somit eine ungleiche Verteilung (Fehlallokation) der Raumnutzung.[2:19] Dies verursacht in den Destinationen einen hohen Wohnungsmangel, der die Verdrängung und/oder Marginalisierung der Bevölkerung weiter verstärkt. Weitere negative Folgen sind steigende Parkplatzprobleme und auch eine verstärkte Innenverdichtung der Ortschaften, um einer Zersiedelung entgegen zu wirken. Die Bauprojekte der Innenverdichtung bewirken in den Orten zusehends eine Veränderung des Orts- und Landschaftsbildes und werden von der Bevölkerung häufig kritisch gesehen.[1:6]

Perlik kritisierte in seiner Studie,[2:20] dass fragebogengestützte Untersuchungen über Zweitwohnungskäufe unzureichend sind. Die Interpretation dieser Untersuchungen basieren auf subjektive Äußerungen der Individuen und übersehen dabei die Dimension des gesellschaftlichen Strukturwandels und die dahinterstehenden sozio-ökonomischen Prozesse. Dies ist auch häufig der Fall bei fragebogengestützte Untersuchungen über die Weiterentwicklung einer Region als touristischer Wirtschafts- und Wohnraum. Die Ergebnisse der Umfragen in der Region geben zwar Aufschluss zur aktuellen Situation und für weiterführende Planungen, aber greifen in Summe zu kurz, weil diese Analysen ebenfalls den sozialen Strukturwandel und deren sozio-ökonomischen Prozess(e) nur teilweise oder gar nicht berücksichtigen.

Conclusio

Freizeitorientierte Multilokalität erzeugt durch die Aufteilung des Wohnsitzes auf mehrere Standorte einen hohen Flächenverbrauch. Die Vervielfältigung der von den multilokalen Bewohnern genutzten Wohnfläche wirkt sich nicht nur negativ auf die ökologischen Fußabdruck aus, sondern erzeugt in den Destinationen auch eine weitere Verknappung des Lebens- und Wohnraums für die lokale Bevölkerung. Dies hat zur Folge, dass die freizeitorientierte Nebenwohnsitze steigende Immobilienpreise, eine Zersiedelung der Landschaft und innere Verdichtung der Ortschaften verursachen. Diese Entwicklung stellt einen Widerspruch dar zum städtischen Leitbild für sparsame Flächennutzung, Nachhaltigkeit und dem Klimaschutz.

Gerade in den Zeiten der Corona-Pandemie bilden die Nebenwohnsitze eine zusätzliche Herausforderung durch ihre multilokalen Bewohner, die während der Lockdownphasen an den jeweiligen Standorten ihren Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Somit verschärfen Multilokale die Gefahr einer weiteren Verbreitung des Corona-Virus und seiner Mutationsvarianten.

Die Flexibilisierung der Arbeitswelt hat neue Immobilienmärkte erzeugt, die meistens auf Investitions- und Anlagemodellen basieren. Seit der Finanzkrise von 2008 wird Vermögen zunehmend in Immobilien angelegt[1:7] und die aktuelle Corona-Pandemie verstärkt die Investitionen in Immobilien zusätzlich. Die stark gestiegene Nachfrage von freizeitorientierten Anlageimmobilien führt in den betroffenen Regionen zu Spekulationen und verstärkt die Preissteigerungen am lokalen Immobilienmarkt. Dies hat zur Folge, dass die lokale Bevölkerung kaum noch ein Grundstück oder eine Wohnung sich leisten kann. Besonders der junge Bevölkerungsteil ist davon betroffen. Ein weiteres Problem ist die Stagnation der Einwohnerzahlen, verursacht durch eine niedrige Geburtenrate und einem steigenden Altersschnitt von über 50 Jahren. Eine Trendwende ist nicht zu erwarten.

Die Nebenwohnsitze verknappen die lokalen Ressourcen und befeuern somit die Diskussionen über Marktpreise und politische Regulierungen, wie und in welcher Form die Ressourcen und Dienstleistungen verteilt werden dürfen.[2:21] Bei diesen Diskussionen geht es hauptsächlich um das Potenzial einer Region als territoriales Kapital und in welche Richtung sich diese Region entwickeln soll, um bei ökonomischen Krisen oder schwacher Konjunktur wettbewerbsfähig zu bleiben (vgl. Loidolt[6], S. 89 ff.). Aber sehr oft wird bei diesen politischen Diskussionen über die strategische Orts- und Regionalentwicklung die lokale Bevölkerung nicht miteinbezogen – es fehlt die Möglichkeit der politischen Mitsprache.

Aktuelle wissenschaftliche Studien über das Thema alpine Gentrifizierung, die nicht älter als drei Jahre sind, gibt es bis jetzt nur sehr wenige. Die meisten Artikel über dieses Themengebiet sind rund 10 Jahre alt. Zusätzlich schreitet die Entwicklung in den betroffenen Tourismusregionen sehr schnell voran, schneller als die zeitintensiven Untersuchungen mit ihren Ergebnissen schritthalten können. Bei den bis jetzt veröffentlichten Studien handelt es sich meistens um Untersuchungen über bestimmte Alpenregionen in Frankreich, Schweiz, Italien und Deutschland (Bayern). Aber bis jetzt konnte kaum eine wissenschaftliche Arbeit über alpine Gentrifizierung oder Amenity Migration vor der eigenen "Haustür" in Österreich gefunden werden. In Österreich wird die Gentrifizierung kaum thematisiert und ist nach wie vor ein Tabuthema, besonders in den Touristendestinationen von Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Kärnten, Oberösterreich und der Steiermark. Es ist vermutlich deswegen auch ein Tabuthema, weil die Forschungsergebnisse für viele Tourismusregionen "wirtschaftspolitischen Zündstoff" enthalten würden.

Die rasante Entwicklung in vielen Tourismusdestinationen zeigt, dass die eingeschlagenen Strategien zur Regionalentwicklung viel riskanter sind als alle bisherigen, weil auch die neuen Freizeitfunktionen volatil sind.[4:6] Der soziale Strukturwandel und die Multilokalität bilden nicht nur eine Frage der Veränderung von Arbeits- und Lebenspraktiken; sie stellen auch einen Wendepunkt in der Fragestellung dar, wie Territorialität verteilt wird, wer Zugriff auf den physischen Raum erhält und wie die lokalen Ressourcen genutzt werden dürfen.[2:22]

Referenzen


  1. Cindy Rabe, "Zuwanderung in das Tegernseer Tal: Amenity Migration nach Tegernsee und Rottach-Egern", 2017, Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung. ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  2. Manfred Perlik, "Neue Formen der Freizeitmulitlokalität", 2020, In: Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium, Forschungsberichte der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), 13, Hannover. ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  3. Manfred Perlik, "Alpine gentrification: The mountain village as a metropolitan neighbourhood – New inhabitants between landscape adulation and positional good", 2011, In: Journal of Alpine Research, 99-1. ↩︎ ↩︎

  4. Manfred Perlik, "Alpine Gentrifizierung: Multilokales Wohnen zwischen Landschaftsliebe und Prestige", 2011, In: 'Werk, Bauen und Wohnen', 9, Zürich. ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  5. Marianna Elmi and Manfred Perlik, "From tourism to multilocal residence? Unequal transformation processes in the Dolomites area", 2014, In: Journal of Alpine Research, 102-3. ↩︎

  6. Claudia Loidolt, "Territoriales Kapital: empirische Untersuchung der Relevanz und Anwendbarkeit für die österreichische Regionalentwicklung", 2018, Technische Universität Wien, In: Der öffentliche Sektor – The Public Sector, 44-1. ↩︎


Dokumentarfilm

Ein empfehlenswerter Dokumentarfilm (in Englisch) von Fredrik Gertten über die Gentrifizierung in Metropolen, die ähnlich verläuft wie im Alpenraum: PUSH (www.pushthefilm.com).


Zeitungsartikel

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Quelle Titelbild: Ö1 – ORF