Schaut man sich den Tiwag-Postwurf zum Projekt Längental an, tun sich unweigerlich Fragen auf. Hat man hier von Ötzer Seite aus nicht etwas versäumt? Wurde nicht eine möglicherweise riesige Chance liegen gelassen?

Zwei Sachen sind es, die sofort ins Auge stechen. Zum einen ist dies die Ausgleichsmaßnahme "Renaturierung der Ötztaler Ache":

Bei der "Renaturierung" wird das bestehende Brunauer Wehr entschärft und die Achsohle auf einer Länge von 300 Metern mittels einer Rampe angehoben. Wer die Baustelle und den damit verbundenen Aufwand gesehen hat, der will über die Höhe der Kosten gar nichts mehr wissen. Das Projekt verschlingt Unsummen – und über die Sinnhaftigkeit kann sowieso vortrefflich gestritten werden. Das Thema ist abgesehen davon aber aus einem anderen Grund interessant.

Manche werden sich noch erinnern, wie das Vorhaben Wasserkraft-Ausbau erstmals auf das Tapet gekommen ist: Was gab es doch da für ein Zeter und Mordio! Am lautesten geschrien haben übrigens die Raftingunternehmer und die Fischer. Und nun? Zitat aus dem Tiwag-Postwurf:
", Die Beseitigung dieser künstlichen Gefahrenstelle bedeutet eine enorme Aufwertung für den stark boomenden Rafting- und Kajaksport im Ötztal´, begrüßen auch Vertreter des Tiroler Raftingverbandes im Rahmen eines Lokalaugenscheins."

Alles klar?

Die Zeilen sind einmal mehr eine Bestätigung von dem, was wir eh schon lange wissen: Wer bei Vorhaben, wie dem Ausbau der Wasserkraft, im Vorfeld am lautesten schreit, bekommt am Ende am meisten.

Der zweite Punkt, der in dem Tiwag-Postwurf von Interesse ist, ist in dieser Information versteckt:

25 Kilometer lange Beileitungsstollen werden im Rahmen des Vorhabens Speicher Längental gebohrt, heißt es. Eine Strecke von Ötz bis nach Sölden! Imposant. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Durchmesser der Stollen 4,2 Meter betragen wird.

Und was hat das Ganze nun mit der (touristischen) Entwicklung von Ötz zu tun?

Das wäre die Chance gewesen

Die Sache ist die: Vor fünf Jahren wurde angeregt, statt des Wahnsinnsprojekts über die Feldringer Böden/Schafjoch lieber über eine umweltfreundliche, unterirdische Verbindungsbahn zwischen Hochötz und Kühtai nachzudenken. Die dazugehörige Skizze hat so ausgesehen:


Die mögliche "U-Bahn" mit einer Länge von rund sieben Kilometern war gelb eingezeichnet. Ihre Strecke verläuft deshalb in einem sanften Bogen, weil, derart angelegt, das Wörge- und das Mittertal unberührt bleiben würden. Die Länge: nicht einmal der Abstand von Ötz nach Östen. Nicht einmal ein Drittel von dem, was jetzt von der Tiwag Richtung Stubai gebohrt wird.

Vertane Chance
Eines steht fest: Weitblickende Gemeinde- und Tourismuspolitiker hätten beim Projekt Längental ganz generell den Fuß in die Tür gestellt. Und zwar gleich zu Beginn. So, wie dies auch die Fischer und Raftingunternehmer gemacht haben.

Wäre es dann später um eine "Ausgleichsmaßnahme" gegangen, hätte man beispielsweise die "U-Bahn" ins Spiel bringen und argumentieren können: Liebe Projektwerber von der Tiwag, wir haben überhaupt nichts gegen einen Ausbau der Wasserkraft, im Gegenteil, allerdings erleiden wir dadurch nicht nur "unmessbare Schäden" (wie es immer so schön heißt), sondern messbare, wenn wir alleine an die bevorstehende Verkehrsbelastung in den kommenden fünf Jahren denken. Darüber hinaus gibt es noch andere Nachteile, bei denen wir uns aber vorstellen können, sie in Kauf zu nehmen, wenn ihr dafür ein paar Kilometer weiter bohrt als bisher geplant. Und den dabei entstehenden Ausbruch könnt ihr kostenlos für euren Dammbau verwenden ...

So haben wir jetzt zwar die Nachteile, schauen aber sonst durch die Finger. Ein Beleg für den derzeit bei uns fehlenden Weitblick?

Die Antwort auf diese Frage könnte möglicherweise in dieser Zeichnung stecken:

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Der nächste Artikel erscheint am Montag, dem 18.01.2021: Ein Brief an unseren Landeshauptmann, an den Tourismusreferenten des Landes und Eigentümervertreter des Landes in der Tiwag, Günther Platter. Vielleicht gibt es doch noch was zu retten in dieser Causa. Auch wenn es jetzt natürlich teurer wird.