Hinweis: dieser Bericht wurde schon VOR der Aussendung der Gemeinde am 01. April geschrieben, dadurch ändert sich aber nichts wesentliches.

Man kann zum im mittlerweile in Bau befindlichem Kraftwerk Tumpen-Habichen stehen wie man will, ich will hier auch keine Bewertung abgeben. Die Vorgehensweise ist jedoch schon fragwürdig. Aufgrund der aktuellen Situation werden die wenigsten was davon mitbekommen. Hier ein paar Informationen, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann.

Zum Nachdenken

Wie immer gibt es Befürworter und Gegner. Gerade bei Projekten vor unserer Haustüre, insbesondere solchen, die stark in die Natur eingreifen, spielen Emotionen eine sehr große Rolle. Versuchen wir mal die Emotionen ein wenig hintanzustellen und das Ganze nüchtern zu betrachten:

Es wird immer mehr Energie benötigt, insbesondere auch elektrischer Strom als hochwertige Energieform. Dieser wachsende Energieverbrauch muss auch gedeckt werden und zwar mit Kraftwerken. Strom kommt nur im Haus aus der Steckdose, aber irgendwie muss er da auch hinkommen. Niemand will Atomstrom (manche kaufen sogar so sinnlose Dinge wie "Atomstromfilter"), Kohlekraftwerke oder Gaskraftwerke. Wir wollen "grünen Strom". Da wird es schon schwierig. Wind- und Wasserkraft gehören auch in diese Kategorie, aber warum will dann niemand einen Windpark oder ein Wasserkraftwerk? Ausbau Sellrain-Silz, Kaunertal, das Gemeinschaftskraftwerk Inn (GKI) oder jetzt auch Tumpen-Habichen löst Widerstand in Bevölkerung und von Naturschutzorganisationen aus. Zurecht? Ja und nein. Das muss jeder für sich selber beantworten. Genauso muss sich jeder die Frage stellen, warum man selbst immer mehr Strom braucht? Auch du und ich haben Einfluss darauf, dass immer mehr Kraftwerke geplant und gebaut werden.

Ein durchschnittlicher österreichischer Haushalt verbraucht 4.415 kWh elektrische Energie pro Jahr. Man bedenke: Büro- und Unterhaltungsgeräte machen 7,0 Prozent, und Stand-by-Betrieb von Geräten 4,2 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs aus.

Die Welt des Stroms - Oesterreichs Energie
Alles rund um das Thema Strom, der intelligenten Energieform der Zukunft.
Infos zu Stromerzeugung und Stromverbrauch in Österreich.

Natürlich kann man argumentieren, man solle Photovoltaik-Anlagen forcieren anstatt Wasserkraftwerke (aus-)bauen - aber das sind in erster Linie politische Entscheidungen. Viele Bürger hätten aber sehr wohl die Möglichkeit, sich eine Photovoltaikanlage aufs Hausdach zu geben.

Gemeinde Oetz

Man hat das Gefühl, zum Kraftwerk wurde Stillschweigen vereinbart. In den Gemeinderatsprotokollen ist praktisch nichts dazu zu finden. Im gesamten Jahr 2019 finden sich in den Gemeinderatsprotokollen hierzu genau drei Erwähnungen:

Im Protokoll zur 1. Gemeinderatssitzung 2019 (06. Februar 2019) findet sich in den Berichten des Bürgermeisters auf Seite 19:

Im Protokoll zur 6. Gemeinderatssitzung 2019 (16. Oktober 2019) wurde das Kraftwerk das letzte Mal angesprochen.

Im Protokoll zur 7. Gemeinderatssitzung 2019 (14. Dezember 2019) findet sich lediglich bei der Diskussion um den Jahreshaushalt auf Seite 11 eine Erwähnung der Ötztaler Wasserkraft GmbH.

Nachdem die Gemeinde Oetz 20% Anteil an der Ötztaler Wasserkraft GmbH inne hat, mutet das schon sehr merkwürdig an, dass nicht mal der Gemeinderat über den Stand der Dinge und die weitere Vorgehensweise informiert wird. Die erste (und bisher einzige) Gemeinderatssitzung 2020 hat am 04. Februar stattgefunden, da gibt es keinerlei Erwähnung zum Kraftwerk.

Offensichtlich versucht man hier nun Tatsachen zu schaffen. Demokratiepolitisch wäre es nur fair, die vorliegenden Beschwerden zuerst von den Gerichten klären zu lassen. Entsprechend Medienberichten handelt es sich um:

  • Beschwerde gegen die naturschutzrechtliche Bewilligung beim Landesverwaltungsgericht (LVwG)
  • Beschwerde gegen die wasserrechtliche Bewilligung beim Verwaltungsgerichtshof (VwGH)

Sollte es seitens der Gerichte zu einer Aufhebung der Bewilligungen kommen, so droht der Rückbau - mit entsprechendem finanziellen Schaden, anteilsmäßig auch für die Gemeinde Oetz. Ist das verantwortungsvolles Wirtschaften? Schon 2017 hat der Verwaltungsgerichtshof den damaligen Wasserrechtsbescheid aufgehoben.

“Die Gnade, das Projekt einzustellen” | Rundschau | Oberländer Wochenzeitung
Kraftwerk Tumpen-Habichen: VwGH hebt Entscheidung auf “Nach neun Jahren Verfahrensdauer hat der Verwaltungsgerichtshof (Anm.: VwGH) wegen Rechtswidrigkeit des Inhalts die Bewilligungsentscheidung zum geplanten Kraftwerk Tumpen-Habichen aufgehoben, das Erkenntnis ist ein Meilenstein”, erklärt Julia M…

Mit Ende 2019 bestätigte dann das Landesverwaltungsgericht den Bescheid des Landes.

Medieninformation vom 02.01.2020
Ötztaler Wasserkraft GmbH, Wasserkraftwerk Ötztaler Ache Tumpen-Habichen

Trotzdem sind auch für das Landesverwaltungsgericht noch nicht alle Rechtsfragen geklärt, daher wurde eine ordentliche Revision zugelassen  - auf Seite 62 der Entscheidung heißt es:

VI. Zulässigkeitder ordentlichen Revision:
Die ordentliche Revision ist zulässig, da eine Rechtsfrage zu lösen war, der iSd Art 133 Abs 4 B-VG grundsätzliche Bedeutung zukommt. Es fehlt eine Rechtsprechung zur Frage, ob bereits bei der Verschlechterung der unterstützenden Qualitätskomponenten „Wasserhaushalt“ und „Durchgängigkeit“ (§ 4 Abs 3 Z 1 lit a und c QZV Ökologie OG) von „sehr gut“ in „gut“ von einem Vorhaben gemäß §104a Abs 1 WRG 1959 auszugehen ist, obwohles zu keiner Verschlechterung der biologischen Einzelkomponenten (§ 4 Abs 2Z 1 QZV Ökologie OG) kommt und der gute ökologische Gesamtzustand erhalten bleibt.

Nun, mit 01. April 2020 hat die Gemeinde Oetz die Bürger über die Vorgänge rund um den Baustart informiert. Warum braucht es aber derart starken medialen Druck bis die Bürger informiert werden? Im Schreiben (wie auch in den Medienberichten) wird der jetzige Baustart mit dem naturschutzrechtlichen Bescheid argumentiert. Die Rechtmäßigkeit stellt wohl niemand in Frage, die Beschwerden haben keine aufschiebende Wirkung. Unser Bürgermeister informierte uns weiters:

... weshalb wir uns für einen Baustart ausgesprochen haben.

‌Da gilt es schon zu fragen, wer sind WIR? Der Gemeinderat wusste (offiziell) von nichts.

Technische Betrachtung

Auf der Seite der TIWAG kann man sich einen Überblick über das Bauvorhaben machen.

Die maximale Turbinenleistung ist mit 14,48 MW angegeben. Entsprechend dem Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz  2000 (UVP-G 2000) muss erst ab einer Leistung von 15 MW eine Umweltverträglichkeitsprüfung gemacht werden. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches und wird wohl vielfach so gemacht - der Gesetzgeber bietet diese Möglichkeit, warum soll man dies dann nicht nutzen (dürfen)?

Ohne die genaueren Hintergründe in der Planung zu kennen (insb. die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung oder Naturschutzrechtliche Beschränkungen - Wasserentnahme/Restwassermenge), kann die Frage in den Raum geworfen werden, warum das Kraftwerk für einen Durchfluss von Q=22m³/s ausgelegt wurde. Beinahe 5 Monate im Jahr ist der Zufluss der Ötztaler Ache höher als die für die Auslegung festgelegte Wassermenge. Zwischen Mitte Mai und Ende August wäre eine Nutzung von über 40m³/s möglich, was einer Kraftwerksleistung von mindestens 26 MW entspräche. Über die Sommermonate könnten sogar über 60m³/s genutzt werden, was einer Leistung von 40 MW oder mehr entspräche.

Hydro Online, Land Tirol

Natürlich spielen hierbei die Errichtungskosten eine große Rolle, die größte aber vermutlich eine dann verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Andererseits wird auf viel Energie verzichtet. Berechnet man diesen Verzicht vereinfacht und überschlagsmäßig (h = Stunden [hour]; Leistung W=Watt, MW=Megawatt; Energie GWh=Gigawattstunden, im Hausgebrauch kennt man kWh, also Kilowattstunden):

2 Monate ~ 60 Tage: 1440 h * 40 MW = 57,6 GWh
1 Monat   ~ 30 Tage:   720 h * 26 MW = 18,7 GWh
Selbige Zeit mit dem Auslegungsdurchfluss: 2160h * 14,48 MW = 31,3 GWh
Verzicht auf: 57,6 GWh+18,7 GWh-31,3 GWh = 45 GWh

Bei der derzeit angegebenen Jahresenergieerzeugung von ca. 61 GWh verzichtet man somit auf etwa 74% der Energie. Anstatt einer Erzeugnis von ca. 106 GWh gibt man sich also mit 61 GWh zufrieden. Das ist natürlich eine sehr vereinfachte Betrachtung, man wird aus wirtschaftlichen Gründen nie das jeweils volle Wasserdargebot nutzen können. Bei einem mittlerem Jahresdurchfluss (MQ) von 26,5m³/s (langjähriges Mittel 1951-2016, hydrographisches Jahrbuch) würde auch nach dem Kriterienkatalog Wasserkraft des Landes Tirol (S. 67)  bezüglich dem Kriterium Ausbaugrad ein Ausbau mit 32-35m³/s mit der best möglichen Punktezahl 5, ein Ausbau bis etwa 42,4m³/s (ca. 28MW) immer noch mit 2 Punkten bewertet. Der vorliegende Ausbaugrad mit ca. 0,83 bei 22m³/s schrammt schon knapp an der schlechtesten Bewertung mit 0 Punkten vorbei (ab Ausbaugrad 0,8 was 21,2m³/s entspräche).

Die Kernaussage, dass (bewusst?) auf viel Energie verzichtet wird, bleibt somit - soviel Energie wie ein mittelgroßes Kleinkraftwerk liefern könnte oder dem entsprechendem Jahresverbrauch von mindestens 2700 Haushalten.
Warum??

Naturschutzrechtlicher Bescheid

Je genauer der Bescheid vom Land Tirol (ausgestellt mit Datum 06. März 2015) betrachtet wird, desto mehr Fragwürdiges wird aufgeworfen. Um den Rahmen hier nicht zu sprengen, nur der wichtigste Absatz aus dem Bescheid, ein Kommentar erübrigt sich.

Auszug Seite 44 - wasser-/ energiewirtschaftliche Feststellungen, Bescheid des Landes Tirol

Medienberichte zum Baustart

Tumpen-Baustart trotz offener Rechtsfragen: WWF warnt vor Tiroler Kraftwerksskandal
Der WWF erhebt gegen die Betreibergesellschaft des geplanten und sehr umstrittenen Kraftwerks in Tumpen schwere Vorwürfe. Umweltschutzorganisationen und Bürgerinitiativen befürchten massive Umweltschäden an einer praktisch unberührten Wildwasserstrecke der Ötztaler Ache.
Wirbel durch Baubeginn beim Kraftwerk Tumpen-Habichen | Tiroler Tageszeitung Online
WWF und Kraftwerksgegner reagieren empört, während sich die Betreiber zu diesem drastischen Schritt genötigt fühlen.
Petition gegen Bau eines Kraftwerks im Ötztal
Der gemeinnützige Verein Wildwasser Erhalten Tirol (WET) hat eine Petition gegen den Bau des umstrittenen Kraftwerks Tumpen-Habichen im Ötztal gestartet. Im Schatten der Coronakrise habe die Tiwag vor zwei Wochen mit den Bau unerwartet gestartet, heißt es. Vom Land heißt es, alles sei rechtens.
Petition gestartet: „Stoppt das Kraftwerk Tumpen-Habichen!“
Breite Naturschutz-Allianz gegen die Verbauung der freifließenden Ötztaler Ache: Land Tirol darf skandalöse Flussverbauung nicht zulassen – Erfolgreiches Startwochenende mit über 5.000 Unterschriften, Oetz und Umhausen / Innsbruck, am 30. März...

Petition für einen Baustop

Untenstehend der Link für die Petition. Zuvor aber noch das Zitat unseres Bürgermeisters in dem Schreiben an die Bevölkerung:

Dass heutzutage gegen jeden Eingriff in die Natur eine Petition gestartet wird ist nichts mehr Außergewöhnliches. Es wäre allerdings wünschenswert, wenn sich alle, die sich an so einer Petition beteiligen, wenigstens 5 Minuten Zeit nehmen würden, um sich mit der Angelegenheit auseinanderzusetzen, dann wären solche Petitionen ein wenig seriöser…

Mit der dringlichen Bitte um Berücksichtigung!! Es sollte sich wirklich jeder ein wenig Zeit nehmen, um sich selbst ein Bild über die Thematik zu machen, eine EIGENE Meinung bilden und nicht einfach blind unterschreiben!

Petition unterschreiben
Stoppt das Kraftwerk Tumpen-Habichen!