Warum der Vergleich hinkt

Welcher Ötztaler lässt sich schon gerne mit einem Zillertaler vergleichen (natürlich auch umgekehrt)? Auf den Verkehr bezogen gibt es bezüglich der Situation in Ötz immer wieder Aussagen wie z.B. ’Wir hier in Ötz jammern, was sollten da die Zillertaler sagen? ’. Da werden aber Äpfel mit Birnen verglichen. Es gibt viele Gründe warum man die Verkehrssituation nicht vergleichen kann. Im folgenden werden die Messtellen Ötz und Brettfalltunnel betrachtet, beide liegen am Eingang des Tales. An der Messstelle Ötz werden auch die Fahrzeuge von/nach Sautens, Ambach, Ebene und Brunau miterfasst, die allerdings nicht durch Ötz fahren. Im Zillertal fehlen hingegen die Gemeinden Strass (836 Einwohner) und Bruck (1098 Einwohner), da diese (vermutlich) nicht durch den Brettfalltunnel fahren. Des weiteren, müssen wir uns wirklich mit dem negativen Spitzenreiter vergleichen? Schon klar, dass manche Ötzer sich gerne an der Spitze sehen, aber beim Verkehr? Wirklich???

Einwohner

Das Zillertal hat mehr als doppelt so viele Einwohner als das Ötztal, mit Stand 2017 genau genommen 2,46 mal so viel. Quellen: Planungsverband Ötztal und Planungsverband Zillertal.

Pendler

Wie aus den Daten von den Planungsverbänden (PV) herauszulesen ist, hat der PV Ötztal etwa halb so viele Gemeinde-Einpendler, davon aber etwa gleich viele die von außerhalb des Planungsverbandes kommen. Heißt übersetzt: 46,6% der Gemeinde-Einpendler kommen von außerhalb des PV (weiter entfernt als Gemeinde Haiming oder Roppen), im Zillertal sind es hingegen 26%. Bei den Gemeinde-Auspendlern haben wir im Ötztal 61% die aus dem Planungsverband auspendeln, im Zillertal 38,3%. Dies zeigt, dass das Ötztal einen im Verhältnis zur Bevölkerung deutlich höheren Anteil an Pendlern hat. Wenn man die Aus- und Einpendler im Ötztal zusammenzählt, kommt man auf 5894 Pendler. Einmal hin und einmal retour ergibt das 11788 Fahrten. Wie viele davon Haiming und Roppen betreffen (also nicht über die Messstelle fahren) und wie viele davon mit den öffentlichen Verkehrsmittel fahren bleibt offen. Eines ist klar, auch bei den Pendlern muss man mit Maßnahmen ansetzen.

Tourismus

Bekanntermaßen sind beide Täler sehr stark touristisch ausgeprägt. Das sieht man auch daran, dass das Ötztal im Winter etwa 3/4 aller Nächtigungen im Bezirk Imst vorzuweisen hat (Achtung, Kühtai gehört NICHT zum PV Ötztal). Das Zillertal liegt nochmal höher, mit einem Anteil von ca. 85% aller Nächtigungen im Winter im Bezirk Schwaz. Die Transportkapazität der Seilbahnen im Zillertal ist beinahe doppelt so groß wie im Ötztal.

Im Vergleich zum Winter (100%) haben die Zillertaler mit 67,4% eine deutlich höhere Zahl an Nächtigungen im Sommer. Da hinken die Ötztaler mit 42,1% Nächtigungen im Sommer bezogen auf Nächtigungen im Winter deutlich hinterher. Natürlich wollen die Ötztaler nach vielen Jahren der Fokussierung auf den Wintertourismus auch den Sommertourismus stärken. Schaut man sich die Verkehrszahlen an, so müssten da aber die Alarmglocken läuten.
Der August ist heute schon der stärkste Verkehrsmonat des Jahres mit im Monatsmittel über 16.000 KFZ/Tag. Im Winter sind insbesondere die An- und Abreisezeiten das größte Verkehrstechnische Problem, im Sommer sind diese zwar anderwertig und gleichmäßiger verteilt, das ergibt aber die Situation, dass jeden Tag unter Tags zu jeder Stunde deutlich mehr Verkehr ist. Steigern die Ötztaler ihren Sommertourismus weiter, stehen dann die Pendler bei der Heimfahrt täglich im Stau? Aus heutiger Sicht scheint das zu befürchten sein.

Was hieße das nun bei der kolportierten Nächtigungszunahme um 15% durch einen Zusammenschluss Ötztal-Pitztal? Deutliche Auswirkungen auf die Verkehrsbelastung, insbesondere zu den Spitzenzeiten. Die Tourismus-unabhängingen Pendler werden nicht mehr und nicht weniger trotz mehr Nächtigungen. Mit zusätzlichen Nächtigungen steigt aber der An- und Abreiseverkehr, touristische Verkehr (Besuche, Aktivitäten, ...), Pendler die im Tourismus tätig sind, Werksverkehr (Baustellen touristischer Natur, Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten) und Lieferantenverkehr. Und jetzt denke man mal an die Stauzeiten in Ötz . . .

Setzt man die Nächtigungen (Winter und Sommer) ins Verhältnis zum Gesamtverkehr, so sehen wir, dass im Ötztal auf jede Nächtigung 1,24 KFZ-Fahrten anfallen, im Zillertal sind es 0,96 KFZ-Fahrten. Sind die Zillertaler bez. Verkehr und Nächtigungen effizienter? Diese Frage sei einfach mal so stehen gelassen.

Erfreulich für den Ötztaler Tourismus ergeben sich pro Einwohner im Ötztal 275,4 Nächtigungen, im Zillertal hingegen ’nur ’ 186,6. Was aber auf der anderen Seite heißt, die Belastung pro Einwohner durch den Tourismus ist im Ötztal deutlich größer. Wie viel mehr vertragen die Bewohner?

Bahn

Durch das Zillertal verläuft eine Eisenbahnstrecke (Schmalspurbahn). Mit dieser kommt man ganz bequem direkt zum Bahnhof Jenbach. Ob und wieviele Touristen mit der Bahn anreisen oder von Pendlern genutzt wird ist aus den Daten nicht zu entnehmen. Nachdem die Deutsche Bahn ja nicht gerade mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit punktet, werden wohl maximal Gäste aus München mit der Bahn anreisen. In Zukunft soll die Bahn schadstofffrei betrieben werden (Wasserstoffantrieb).
Im Jahr 2018 wurden 2,9 Mio Fahrgäste transportiert, gegenüber 2017 ein Plus von 16% (Quelle: www.zillertalbahn.at).

Übersicht über die Verkehrssituation

Da die Gesamtjahresdaten für 2018 noch (immer) nicht vorliegen, muss ich auf die Jahresdaten von 2017 zurückgreifen, abgerufen von der Seite des Landes Tirol.

Für das Gesamtjahr 2017 ergeben sich für das Ötztal 13987 · 365 = 5, 1 Mio KFZ, für das Zillertal 18892 · 365 = 6, 9 Mio KFZ.
Auch zu sehen ist, dass durch das Zillertal aufgrund Betriebe/Industrie (z.B. Erlebnissennerei Zillertal, Zillertal Bier, Wetscher, Binderholz, Empl, AL-KO, . . . ) mehr als doppelt so viele LKW fahren als durchs Ötztal. Das sind aber auch viele Arbeitsplätze für Einheimische, was das Aus-/Einpendeln reduziert.

Verkehrsdaten Jahr 2017, Messstelle Ötz
Verkehrsdaten Jahr 2017, Messstelle Brettfalltunnel (Zillertal)

Was bleibt...

Das Zillertal ist sowohl von der Bevölkerung als auch im Tourismus dem Ötztal deutlich überlegen, natürlich auch bezüglich Verkehr. Letzteres zeigt sich allerdings nur Ansatzweise - ca. 2,5 mal mehr Bevölkerung, 74,4% mehr Nächtigungen aber ’nur ’ 35% mehr Verkehr als im Ötztal. Dass auch die Situation für die Zillertaler nicht rosig ist, steht außer Frage. Anstatt aber die Ötztaler immer nur beruhigen zu wollen, quasi wir haben es verkehrsmäßig besser als die Zillertaler, sollte man sich eher die Frage stellen: Was machen die Zillertaler besser?

Wo die Zillertaler auch (bei weitem) überlegen sind: die Unterstützung der Bevölkerung durch die Gemeindeführung. Im Zillertal wird versucht die Bevölkerung vom Verkehr zu schützen, es gibt schon lange Umfahrungen bzw. die bestehenden werden noch weiter ausgebaut (siehe Bsp. Fügen). Im Ötztal wird beschwichtigt bis sich die dicksten Balken biegen - noch im März 2019 wurde in einem ORF-Fernsehbeitrag (’Thema’ zu Skigebietserweiterung Feldring) vom Ötzer Bürgermeister behauptet ’Wir haben noch kein Verkehrsproblem, soviel möchte ich festhalten.’. Ungehindert bahnt sich der Verkehr durch unseren Ortskern, ohne Rücksicht auf (Lebensqualitäts-)Verluste (insbesondere durch Verkehrslärm). Wenn nicht mal ein Problem gesehen wird, wie soll es dann Lösungen geben???


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