(Postwurf: Symbolbild)

Es könnte jenes Schriftstück werden, das für uns Ötzerinnnen und Ötzer von so weitreichender Bedeutung in Sachen Lebensqualität ist wie noch nie eines vorher: Jener Postwurf der Gemeinde, der uns in den kommenden Tagen zum Thema Verkehr ins Haus flattern wird. Was auf ihm steht hat seine Ursachen – und seine Folgewirkungen. Hier bereits die Hintergrundinfos dazu:

Warum plötzlich der komplette Paradigmenwechsel?
Noch bis vor einem halben Jahr hat es bei uns von offizieller Seite immer geheißen, eine Umfahrung sei undenkbar. Der Ort würde aussterben. Man erinnere sich an die mittlerweile bereits legendäre gewordene "Wir-haben-kein-Verkehrsproblem"-Aussage vor laufender ORF-Kamera.
Aber, das war offensichtlich einmal. Jetzt schaut es ganz anders aus.
Die Gründe: Das Verkehrsthema konnte nun beim besten Willen nicht mehr geleugnet werden. Zu sehr drängten Bevölkerung und Lebenswertes Ötz auf eine Entlastung, sei es direkt Aug-in-Aug, medial, im Rahmen der Aktion Familienfreundliche Gemeinde, der Mobilitätsstrategie, bei diversen Unterschriftenaktionen oder im Zusammenhang mit den Projekten Feldring/Schafjoch bzw. dem möglichen Gletscherzusammenschluss im hinteren Ötztal.

Ein Beispiel – Protest beim TT-Forum in Imst:

Die Bevölkerung von Ötz tat ihren Unmut mit Transparenten kund:

Ausschlaggebender Moment für die Trendwende
Es waren, bei allem Respekt, allerdings nicht die Sorgen und Nöte der Ötzerinnen und Ötzer, welche die Trendwende in der Gemeindestube einleiteten, denn diese gab es bekanntlich schon länger. Jahrelang stöhnten und ächzten wir unter der Verkehrslast – erhört wurden wir freilich nicht.
Dann aber kamen die Einreichungsunterlagen zur Gletscherehe Ötztal-Pitztal. Und damit dieser, auf den ersten Blick unscheinbar wirkende, Absatz, der enorme Sprengkraft mit sich bringen sollte:

"Im äußeren Ötztal liegt der jahresdurchgängige Tagesverkehr bereits im Ist-Zustand (d.h., ohne Ötztal-Pitztal, Anm.) über der Anwendungsgrenze", stand hier schwarz auf weiß zu  lesen, auf gut Deutsch: Wir haben bereits jetzt schon zu viel Verkehr. Noch vor Ötztal-Pitztal.
Spätestens nach dieser Aussage konnten auch die größten Hardliner das Problem nicht mehr leugnen.

Wer hat die Mobilitätsstrategie ins Leben gerufen?
Weil es für die Einreichung von Ötztal-Pitztal nach dem inzwischen entstandenen Druck unumgänglich geworden war, sich endlich mit der Bevölkerung zusammenzusetzen, wollte man diese mit der Mobilitätsstrategie besänftigen.
Wer wirklich dahintersteckte, wurde allerdings freilich schnell klar: Spätestens als Fotos vom ersten Abend in Ötz, bei dem die Bevölkerung nicht frei ihre Meinung äußern durfte, auftauchten – zusammen mit dem Text, der einer Jubelorgie über "die gemeinsame Anstrengung der Talbevölkerung für das Projekt Ötztal-Pitztal" glich. Auf dieser Homepage schaut(e) das so aus:

Schauderhaft! Unterste Schublade! Fotos von besorgten Ötzerinnen und Ötzern, die sich gegen den Verkehr aussprachen, werden zu Propagandamitteln und für das Gletscherprojekt Ötztal-Pitztal zweckentfremdet.
Ist das nicht Missbrauch? Schaut so eine ehrliche Vorgangsweise aus? Geht man so mit der eigenen Bevölkerung um?

Wer verzapft so einen Schwachsinn?
Die Homepage wurde, wie ein dazugehöriges Hochglanzmagazin ("Ötztal-Pitztal ist Versicherung gegen Klimawandel"), von der Agentur Polak gestaltet.
Polak ist das fürstlich honorierte Sprachrohr der Sölder Bergbahnen und des Tourismusverbandes.
Als solches hat sich Polak abgewöhnt, in den Spiegel zu schauen.
Viel lieber verfasst Polak nach dem gescheiterten Forum Zukunft ungeniert Presseaussendungen, in denen er kritische Teilnehmer diffamiert; den Bezirksblättern stellt er daraufhin ein Inserat seiner Kunden in Aussicht, wenn sie seinen Schwachsinn im redaktionellen Teil abdrucken. Business as usual – wenn sich damit nicht der Polak´schen Auftraggeber, in genanntem Fall die Gemeinde Ötz, gleichzeitig an der eigenen Bevölkerung vergehen würde.

Wer zeichnet für den kommenden Ötzer Postwurf verantwortlich?
Polak! Auch hinter dem, was wir in den kommenden Tagen zu lesen bekommen, steckt wieder Polak.
Polak hin, Polak her. Überall Polak.
Man glaubt es kaum, aber es ist so: Keine Zeile des kommenden Postwurfs stammt von unseren Verantwortlichen selbst, sei es Bürgermeister oder Projektkoordinator.
Das zeigt, wie fremdbestimmt wir mittlerweile bereits geworden sind.
Andere haben das Sagen und unsere vermeintlichen Chefs gleichen Marionetten ...

Ist der Postwurf ein Eingeständnis des Versagens?
Ja. Genauso wie es bei unserem Bürgermeister eine Kehrtwendung um 180° gegeben hat, genauso ist jetzt das Einknicken beim Umfahrungsthema zu bewerten: Zuerst wollte man sich noch mit einem Maulkorb für die Bevölkerung und einer sinnlosen Ankündigungspolitik ("E-Carsharing" / "Elektrotankstellen" / "Mit dem Rad zur Arbeit" etc.) aus der Affäre ziehen.
Jetzt versucht man sich nur noch im Schönschreiben, oder besser gesagt: Schönschreiben-lassen, und tritt, weil nichts anderes übrig bleibt, die Flucht nach vorne an. Will sozusagen retten, was zu retten ist, und zwar, weil einem sonst die Wähler nicht nur einzeln, sondern gleich in Scharen davonrennen.

Zweiter Flop
Nach dem Beirat Zukunft ist damit aber auch der zweite sauteure "Dialog" bereits grandios gescheitert. Er ist zu Ende, noch ehe er richtig begonnen hat: So wie die Verantwortlichen bei Ersterem keinen einzigen Vorschlag für die Verbesserung der Regions-Nachhaltigkeit bringen konnten, wurde auch diesmal rasch evident, dass man lediglich Sand in die Augen der Bevölkerung streuen wollte.

Dabei wäre alles so einfach gewesen
Die Ötzer Verantwortlichen hätten nur einmal vernünftig und auf Augenhöhe mit der Bevölkerung reden müssen. Dann hätte es keinen ebenso sündteuren wie nutzlosen Mobilitätskoordinator benötigt und man hätte sich das ganze Trara überhaupt ersparen können. Schade, dass die derzeitigen Ortsbosse es seit Jahren nicht zustande bringen, das Ohr an den Ötzerinnen und Ötzern zu haben. Sie scheinen im Gegenteil sogar panische Angst davor zu haben, mit ihnen vernünftig in Kontakt zu treten und versuchen lieber, mittels "geimpften" Dritten ihre Vorstellungen durchdrücken.
Oder glaubt jemand allen Ernstes, ein von einer bestimmten Richtung bezahlter Koordinator würde wirklich unabhängig agieren (können)? Dementsprechend merkt man auch bei jedem Auftritt, wie unwohl sich Hr. Knapp in seiner Haut fühlt.  

Warum ging die Strategie diesmal nicht auf?
Die Ötzer Bevölkerung hat es längst satt, weiterhin nur für dumm verkauft zu werden. Ergo gab es nach der ersten Sitzung der Mobilitätsstrategie Gegenwind bei jeder nur denkbaren Gelegenheit.
Spätestens jetzt war klar, dass die Ötzerinnen und Ötzer auf die Barrikaden steigen würden, wenn nicht wirklich bald etwas in die richtige Richtung geschehen würde. Das ging sogar so weit, dass etwa ein leitender Angestellter des Gemeindeamtes unlängst Bürgern versprach, es werde mit Sicherheit eine Umfahrung kommen, weil nun "selbst der Kassl und der Heiner" nichts mehr dagegen hätten.

Totschlagargument weggefallen
So mancher entzog sich ja bisher einer Verkehrsdiskussion mit dem Hinweis, "was-wird-der-Heiner-dazu-sagen". Dieses Totschlagargument scheint nun beseitigt. Aber: Hat wirklich ein 100%-iges Umdenken stattgefunden? Geht es im Hintergrund doch wieder nur um ganz andere Sachen? Oder ist jene Aktion durchgesickert, die ein frustrierter Ötzer angekündigt hat? Selbiger meinte verärgert, er wäre früher oft beim Heiner gewesen, wolle nun aber bald "Wir-gehen-nicht-mehr-zum-Heiner" lancieren. Denn wenn sich dieser, der Heiner, schon gegen das Wohl der Einheimischen ausspräche, nämlich, indem er gegen eine Umfahrung sei, dann wolle er dort, beim Heiner, auch nicht mehr Gast sein, und andere sollten es ihm gleichtun. Bedenklich, dass es so weit kommen musste.

Knackpunkt Lockdown
Zusätzlich befeuerte heuer die Covid-Pause das Verkehrsthema, weil während des Lockdowns nach sehr, sehr langer Zeit endlich wieder einmal ersichtlich wurde, was Lebensqualität bedeutet und ausmacht. Insofern hatte die Krise in diesem Fall etwas Gutes.
Die Tage danach taten ihr Übriges, als PS-starke Gefährte und Raser auch schnell wieder das Gegenteil vermittelten. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Dasselbe diesmal in Grün mit dem Ski-Weltcup: Endlich einmal ein Opening-Wochenende, bei dem man auch in Ötz das Gefühl hatte, wir würden in einem lebenswerten Ort wohnen.  

Kontakt mit dem Land
Bei einem Telefonat am Mittwoch, den 14.10.2020, mit Dipl.-Ing. Robert Zach von der Abteilung Verkehr und Straße beim Land wusste dieser noch nichts von den neuen Ötzer Begehrlichkeiten. Er sprach lediglich davon, dass es "vor den letzten Wahlen Gerüchte um eine Umfahrung gegeben", man seitdem aber nichts mehr vernommen habe.
Die Ötzer Delegation ist daher mit Dipl.-Ing. Dr. Christian Molzer zusammengetroffen.

Was hat Molzer gesagt?
Der Vorstand der Abteilung Verkehr u. Straße hat genau das Gleiche gesagt, wie auch vor fünf Jahren im Interview mit dynamoetz. Erstens einmal müsse es eine Willensbekundung der Gemeinde geben und dann würde sich das Land die Sache selbstverständlich anschauen, in das Bauprogramm aufnehmen, welches nach Dringlichkeit sortiert und nach dem Vorhandensein von Mitteln abgearbeitet würde. Insofern hätten sich unsere Verantwortlichen den Weg nach Innsbruck glatt ersparen können. Lesen bildet eben, oder besser gesagt, würde bilden, muss man in diesem Fall sagen. – Und zudem überflüssige Kilometer sparen, ist man geneigt anzumerken, gerade, weil wir hier zufällig von Mobilität und Vermeidung von Verkehr reden.

Politisches Kleingeld
Weil es nun für unsere Politiker nichts mehr zu gewinnen gab, außer zu versuchen, politisches Kleingeld aus der in den Sand gesetzten Mobilitätsstrategie zu lukrieren, trat man auch hier die Flucht nach vorne an. Den Reigen eröffnete Süleyman Kilic, der sich via Presse sozusagen zum Retter der Nation hochstilisierte. Er habe das Verkehrsproblem "seit 2005 auf seiner Agenda" gehabt, ließ er staatstragend wissen.

Dann gingen die Gäule durch
Kaum war der Artikel in der TT erschienen, bimmelte bei Kilic das Telefon in einem fort. Am anderen Ende: Gemeinderäte der Bürgerliste, welche sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen wollten, sogar der Gemeindeboss höchstpersönlich soll sich gemeldet haben. Sie alle waren verärgert, wollten sie doch exklusiv als Retter aus der Verkehrsmisere gelten.
Dies führte zu der paradoxen Situation, dass daraufhin ein Gemeindevorstand aus den Reihen der Bürgerliste durch den Ort tingelte, und jedem, der es hören wollte, unter die Nase rieb, dass die Bürgerliste nun eine Umfahrung bauen wolle und es sich quasi nur mehr um wenige Jahre bis zu deren Realisierung handeln könne.
Manche meinen, das sei nun quasi der erste offizielle Auftritt des künftigen neuen Bürgermeisters gewesen, der sich dadurch als neuer Orts-Heilsbringer inszenieren hätte wollen. Kindisch.

Wahlkampfschmäh der Bürgerliste?
Eigentlich hätte die Verkehrslösung in Form der Umfahrung auch erst später als Wahlzuckerl präsentiert werden sollen. Auch das hat der Gemeindevorstand und Bürgermeisterkandidat in spe bereits zugegeben.
Doch dann überschlugen sich die Ereignisse ...

Wie wird es weitergehen?
Weil die Bürgerliste gemerkt hat, dass sie in der Gunst der Bevölkerung derzeit enorm abstinkt, hat sie auch das sonstige Wahlkampfgeplänkel bereits vorgezogen. Deshalb werden gemäß ihrem altbewährten Einserschmäh – wie alle sechs Jahre – die Jungen, die Landwirte, die Wirtschaftstreibenden, die Touristiker etc. in einer weiteren, neuen Strategie, der mittlerweile dritten (!) namens Zukunftsstrategie 2030, nach ihrer Meinung gefragt, "die uns" doch immer "sooooooooo wichtig ist". Zumindest kurzfristig.
Auch damit will man natürlich wieder Kandidaten für die Liste und Wähler lukrieren.
Genau in diesem Lichte ist auch das Verkehrsthema zu sehen, gepaart mit dem Hintertürchen-Schmäh, dass man, wenn man den Ötzerinnen und Ötzern die Karotte (= Umfahrungsidee) vor die Nase gehalten hat, leicht das Gletscherprojekt oder Ähnliches wieder aufleben lassen kann. Schließlich hat man aus Sicht der Bürgerliste das Problem aus der Welt geschaffen, weil man die Umfahrung "angeregt" und damit den Ball elegant an das Land weitergespielt hat, das fortan verantwortlich sei.

Die Rechnung ohne das Original gemacht
Auch wenn sich nun unsere derzeitigen Politiker noch so als Neo-Visionäre, Verkehrsproblemlöser und alles Mögliche präsentieren, eines vergessen sie dabei: Die Ötzerinnen und Ötzer können eins und eins zusammenzählen – und sie besitzen Erinnerungsvermögen.
Deshalb an dieser Stelle ein Versprechen: Wir haben das Thema aufs Tapet gebracht und wir werden weiterhin nicht ruhen, bis wirklich Nägel mit Köpfen gemacht sind. An alles, was unsere Volksvertreter derzeit so von sich geben, daran werden wir sie eindrücklich erinnern! Und wir werden scharfen Auges darüber wachen, dass wir nicht erneut über den Tisch gezogen werden.

Deshalb auch an dieser Stelle ein kurzer Rückblick auf den letzten Wahlkampf:

"Eine Umfahrung unseres Dorfes ist für uns jedenfalls keine Lösung." – Das war so wortwörtlich im Programm der Bürgerliste zu lesen. Wie zur Verhöhnung von uns Verkehrsgeplagten lautete der Titel "Innovativ in die Zukunft".
Wann das war? Vor gerade einmal vier Jahren. Enorm weitblickend also das ganze Geplausche ...

Warum wird hier alles so genau aufgedröselt?
Die Bevölkerung hat ein Anrecht auf ein Spiel mit offenen Karten. Und es ist deshalb wichtig, die Hintergründe zu kennen, um nicht beim nächsten Versuch erneut hinters Licht geführt zu werden.

Warum ist der Postwurf nicht schon lange da?
Hätte er eigentlich längst sein sollen. Es dauert allerdings, bis andernorts das abgesegnet wird, was wir dann für einen Schrieb unseres Bürgermeisters oder Projektkoordinators halten sollten. Deshalb auch die sich teilweise überschlagenden Ereignisse in der vergangenen Woche.

Gibt es bereits einen losen Plan für die Umfahrung?
Anscheinend. Jedenfalls verspricht unser Amtsleiter Bewohnern eines bestimmten Ortsteiles, dass auch sie sicherlich nicht länger unter der Verkehrslast leiden müssten.
Allerdings sind wir gebrannte Kinder: Man denke nur daran, wie unser Bürgermeister bei einem Info-Abend in Mötz zu Feldring/Schafjoch gemeint hat, es sei noch zu früh, zu sagen, ob es bei diesem Projekt einen Speicherteich, ein Bergrestaurant oder Ähnliches brauche, die Investitionssumme läge aber bei 80 Millionen Euro oder so. Man wisse zwar auch noch nicht, woher das Geld käme, aber, blablabla blablabla ...
Gerade solche Aussagen lassen natürlich auch beim Verkehrsthema das Allerschlimmste befürchten und zeigen, wie sehr es hier ein Korrektiv sowie eine wachsame Öffentlichkeit benötigt.

Ausblick
Eines ist klar: Nachdem nun selbst die Bürgerliste das Wort Umfahrung in den Mund nimmt oder bereits genommen hat, kommt sie aus dieser Nummer nicht mehr heraus. Dafür werden wir alle gemeinsam sorgen.
Interessanter wird daher die weitere Vorgangsweise unserer derzeit politisch Verantwortlichen sein. Wird sie weiterhin so wankelmütig? Gibt es wieder ein Hakenschlagen um 180°? Ist sie gleich potschat wie bisher? Oder ist sie von einem neuen Stil geprägt?
Als gelernter Ötzer ist man alles andere als positiv eingestellt. Zu viel wurde zuerst der Kopf in den Sand gesteckt und anschließend gemurkst.
Allerdings: Schauen wir uns das weitere Spiel zunächst einfach einmal an – und zwar in der ersten Reihe, fußfrei. Viel Vergnügen beim Postwurflesen! Es ist alles zusammen wieder sehr erhellend und passt wunderbar zur Vorgeschichte.